„Wir haben keine Energie-, sondern eine Bewusstseinskrise!“

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Jeder kann, wenn er nur will, sich mit viel weniger und nachhaltiger Energie sein Leben einrichten. Durch die Reduzierung der Konsumgüter kann überall sehr, sehr viel Energie eingespart werden. Diese Einsparung hat immer wieder damit zu tun, wo ich meine Prioritäten setze.

Hier ein paar kurze Gedanken zur Energiefrage:

° Die beste Energiepolitik ist immer die der Energiesparpolitik. Wir hören aus der Wirtschaft und der Politik allerdings nur so wenig von Einsparung, weil man damit nicht so gut Profite machen oder Wählerstimmen fangen kann.

° Wenn man Wohnort, Arbeitsplatz und Sozialleben näher zusammenlegt, spart man sehr viel Zeit und Energie. Es reduziert den umweltschädlichen Verkehr und erhöht die Lebensqualität.

° Jedes Grad Celsius mehr im Haus braucht ca. 7% mehr Energie. Durch Stoßlüften, im Gegensatz zum Dauerlüften, spart man ebenfalls sehr viel Energie.

° Sehr viel Energie kann eingespart werden, wenn man sich angewöhnt, eine breite Temperaturbreite im Haus zuzulassen (z.B. 18-25 °C.) Wenn man an warmen Tagen nicht gleich durch offene Fenster die Wohnung runterkühlt, sondern diese Wärme in den Innenwänden speichert, hat man Wärmereserven für kältere Tage.

° Licht nur dort einschalten wo es auch benutzt wird. Das Verbot der alten Glühlampen hat uns kaltes, ungesundes Licht mit – insgesamt gesehen – nur kleinen Energieeinsparungen gebracht, eine Alibi-Aktion der Stromlobby.

° Das Heizen von Luft und Sanitärwasser mit Strom ist dagegen der allergrößte Energieverschwender (40% des gesamten Stromverbrauches). Diese Verschwendungspraktiken sollten verboten werden.

° Etwas größere thermische Solaranlagen können auch zur Heizungsunterstützung dienen. An vielen Übergangstagen reicht diese Solarwärme aus, das Haus zu heizen.

° Vier kw/h grauer Energie sind nötig, um ein kw/h Strom beim Verbraucher bereitzustellen! (Bau der Stromanlagen, Abwärme bei der Stromerzeugung und Leitungsverluste.)

° Die von der Stromlobby geförderten Wärmepumpen haben einen Wirkungsgrad im Jahresdurchschnitt von nur ca. 1:3. Ein von den Herstellern angegebener Wert von 1:6 stimmt nur für wärmere Tage. Durch die hohe graue Energie beim Strom von 1:4 verbrauchen Wärmepumpen also mehr Energie, als sie gewinnen. Nur bei lokaler Stromerzeugung und Nutzung eines Wärmespeichers unter dem Haus, welcher im Sommer über eine thermische Solaranlage beheizt wird, können Wärmepumpen im positiven Bereich liegen.

° Energieberechnungsmodelle für Häuser sind in der Regel nicht praxisnah. Es wird z.B. nur selten ein Unterschied zwischen energiespendenden Südfenstern und energiefressenden Nordfenstern gemacht. Auch braucht ein Haus mit einem Baum vor der Südfassade viel mehr Energie als wenn dieser vor der Nordfassade stünde.

° Neue Ökohäuser oder Wohnungen haben oft viel größere Wohnflächen pro Kopf als sonst üblich. Wenn man die graue Energie des Baues und den Landschaftsverlust auch berücksichtigt, kann man sich fragen: Was ist daran ökologisch? Auch kann man sich fragen, warum solche fraglichen Luxusbauten oft bis zum letzten Quadratmeter aus einem ökologischen Fonds subventioniert werden. Sollte es nicht viel mehr Berechnungen für den Energieverbrauch (inkl. grauer Energie) und den Landschaftsverbrauch pro Kopf geben? (Im Kapitel „Steuer-(ungs)möglichkeiten“ gibt es Vorschläge dazu).

° Schon 10% weniger Wohnfläche pro Person könnte eine ökologische Haussanierung finanzieren. Eine weitere Wohnflächenreduzierung um 5% könnte die volle Umstellung auf Bioernährung finanzieren. Neben der Energieeinsparung im Haus und in der Landwirtschaft würde ganz nebenbei der „Landschaftsfraß“ sich durch die freiwerdende Wohnfläche verringern.

° Beim Isolieren sollten unbedingt atmende Materialien verwendet werden. Styropor wirkt wie ein Plastiksack und lässt das Haus schimmeln. Die natürlichen Erdstrahlungen (Radon) können nicht mehr entweichen und steigen oft gefährlich an.

° Für jedes Haus gibt es andere Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Eine fachliche Beratung führt meistens zu ganz neuen Erkenntnissen und Einsparpotentialen.

Hier ein persönliches Beispiel zur Energieeinsparung:

Unser Haus (240 m 2 Wohnfläche, 700 m ü. Null) wurde 1970 für eine 5-köpfige Familie gebaut. Nachdem nur einige Jahre später die Kinder aus dem Haus waren und dann auch noch der Vater verstarb, lebte die Mutter 25 Jahre allein in dem schlecht isolierten Haus. Der Ölverbrauch lag bei ca. 6 000 Liter pro Jahr. Nach der Übernahme haben wir das Haus nicht nur ökologisch, sondern auch sozial saniert:

Wir haben das Haus in drei schöne Wohnungen unterteilt, so dass es jetzt Platz für sechs Personen und einen Seminarbetrieb hat. Isoliert haben wir das Haus von außen mit einer 25 cm starken Zellulosedämmung (so wirken die alten Wände innen nun als Wärmespeicher). Nach Norden hin wurden einige Fenster entfernt und nach Süden hin wurden die Fenster für die Passivenergie vergrößert.

Über ein unterirdisches Rohr wird im Winter die Zuluft vorgewärmt und im Sommer gekühlt.

Eine 20 m 2 große Solaranlage mit 2‘400 l Speicher gibt das ganze Jahr heißes Duschwasser und heizt das Haus über die NiedrigtemperaturFußbodenheizung. Nur von Mitte November bis Mitte März werden die Speicher bei Bedarf noch etwas durch einen Holzküchenherd nachgeheizt. Die Wohnräume halten wir auf über 20 °C.

Der Holzverbrauch liegt im Jahr bei nur 2-3 m 3 (Energie = 400 – 600 Liter Öl). Der Gesamtenergieverbrauch liegt also bei unter 10% des ursprünglichen Verbrauches und nutzt jetzt den erneuerbaren Energieträger Holz. Wenn man noch bedenkt, dass dieser geringe Verbrauch nun durch sechs Personen geteilt werden kann, bleibt nur noch ein Bruchteil des alten Verbrauches. Zusätzlich gibt es eine Photovoltaikanlage, die fast das Dreifache des Stromverbrauches erzeugt. Der Rest geht ins allgemeine Stromnetz.

Unter dem Strich wird mit dem Haus also mehr Energie erzeugt, als in ihm verbraucht wird (natürlich kommt die graue Energie für den Umbau hinzu).

° Pro Person gibt es in Mitteleuropa die Fläche von ca. 1 500 m 2 Wald, aus dem ca. 1 m 3 Holz pro Jahr zur Verfügung steht. Eine Hälfte davon wird für Papier, Bau usw. verwendet. Die zweite Hälfte kann zum Heizen verwendet werden.

° Es gibt immer mehr Gemeinden, die sich energieneutral machen, indem sie verschiedene alternative Stromerzeuger wie Windkraftwerke, Solaranlagen und Holzhäckselanlagen aufbauen. Finanziert werden die Anlagen oft von den Bürgern selbst. So können nicht einfach Dritte Profite abziehen. Die Fragen nach Energieeinsparungen werden allerdings auch hier oft nicht wichtig genug genommen. In der Schweiz gibt es z.B. Gemeinden, die ihren gesamten Strom so billig mit Wasserkraft erzeugen, dass sie damit auch ihre Häuser direkt heizen. Dies ist nicht nur ein kurzsichtiges, sondern auch ignorantes Verhalten der gesamten Energieproblematik gegenüber.

° Feldpflanzenanbau für Biogasanlagen ist keine Lösung! Der Landverbrauch macht dem Lebensmittelanbau Konkurrenz und die Pachtpreise werden immer höher getrieben. Auch der Humus wird durch Monokultur-Energiepflanzen wie z.B. Mais enorm abgebaut. Der anfallende Dünger aus den Gasanlagen kann dies nicht kompensieren, da ihm die Lebendigkeit und der Kohlenstoff fehlen.

° Die teuren und schädlichen Überland-Stromnetze werden für Spitzenbelastungen und zentrale Stromerzeugung ausgelegt. Durch zeitliche Verteilung der Spitzenlasten und Dezentralisation von Stromerzeugern bräuchten wir keine neuen Stromnetze. Durch höhere Strompreise zu Spitzenzeiten und reduzierten Preisen zu Zeiten des Überangebots (z.B. bei viel Wind und Sonne), würden die Verbraucher den Strom rationeller einsetzen. „Intelligente Zähler“ gibt es schon, die einen Teil der Verbraucher, wie Waschmaschinen, Tiefkühltruhen oder gewisse Produktionsmaschinen nur bedienen, wenn der Strom günstig ist.

° Gase aus Schiefergesteinen sind auch nur fossile Energien und gefährden obendrein massiv Mensch und Natur. Trotz Ablehnung bei den meisten Bürgern treibt die Industrie mit Hilfe der Politiker diese Technik in vielen Ländern immer weiter voran.

° Die teuerste Energie ist die Atomenergie. Die graue Energie für Herstellung, Betrieb und Entsorgung der Anlagen und Brennstäbe sowie die Sozial-, Gesundheits-, Sicherheits- und Ökologiekosten sind für Jahrtausende zu berechnen.

° Flugreisen sind verführerisch und unrealistisch billig geworden. Beim Fliegen werden enorme Mengen an Kerosin verbraucht. Die Abgase in den höheren Luftschichten verstärken die Dunstschicht und tragen damit besonders zum Treibhauseffekt bei. Als im April 2010 wegen eines Vulkanausbruches auf Island der europäische Flugverkehr für eine Woche eingestellt werden musste, registrierte ich bei unserer Photovoltaikanlage eine nie da gewesene Ertragssteigerung. Während dieser Woche mit blauem Himmel ernteten wir ab dem zweiten Tag jeden Tag 10% mehr Strom als all die Höchstwerte seit Beginn der Anlage im Juni 2008 und danach bis heute! Durch die fehlenden Abgase der Flugzeuge kam also mehr Licht zur Erde. (Dieses Thema wird einfach totgeschwiegen. Berichte und Untersuchungen zu diesem Thema werden im Internet einfach immer wieder von irgendeiner Seite gelöscht.)

° Das heikle Thema „Auto“ erwähne ich nun erst gegen Ende dieses Kapitels. Zu lieb haben wir in der Regel unser Auto gewonnen, so dass es uns schwer fällt, darüber objektiv nachzudenken und uns auszutauschen. Eine gewisse Irrationalität liegt hier vor. Wir verbinden das Auto mit Freiheit, erkaufen sie uns aber gerade mit dem Verlust unserer Freiheit. Krach, Gestank, asphaltierte Landschaften und Städte, Staus, Hetze, Energieabhängigkeit usw. erdrücken uns zunehmend. Ohne persönlichen und gesellschaftlichen Mut, dieses Thema ernstlich aufzugreifen, kommen wir auch in den anderen Energie- und Umweltfragen nicht viel weiter.

° Soziale Integration kann sehr viel Energie einsparen. Bei aktiver Familien- und Freundesstruktur können Wohnflächen, Autos, Waschmaschinen und vieles mehr reduziert werden.

° Es gibt nicht nur technische und soziale Energiesparpotentiale. Was kann nicht alles durch geistige Synergien bewegt werden? Ist Ihnen z.B. schon aufgefallen, dass intellektuelles Denken kalt macht und „Begeisterung“ warm macht? Der Mensch kann mit seinen inneren „Entwicklungskapazitäten“ noch ganz andere „Energien“ freisetzen.

° Nur sehr wenige Menschen sind sich unseres allerwichtigsten Energiespeichers bewusst: Des Humus in unserer Erde. Hier werden in gigantischen Mengen, über die Erde verteilt, organische Substanzen durch Erde, Wasser, Luft, Licht und Wärme in einem lebendigen Zustand ständig transformiert. Dieser lebendige Humus gibt die Grundlage für immer neue Pflanzen, die unsere Erde bedecken und uns Nahrung, Rohstoffe, Energie, frische Luft und ein ausgeglichenes Klima geben. Allerdings haben wir schon die Hälfte dieses lebendigen Energiespeichers in den letzten 70 Jahren durch die industrialisierte Landwirtschaft vernichtet! Die hierdurch freigesetzten Kohlen- und Stickstoffverbindungen belasten zusätzlich enorm unsere Atmosphäre.

Dieser Raubbau an unserem Humus ist tausendmal schlimmer, als wie sich die zu Ende gehenden Ölvorräte auswirken. Der Mensch kann ohne Öl leben, aber nicht ohne Pflanzen. Unsere Zukunft hängt von dem Wiederaufbau des lebendigen Humus ab.

Als einen der Auswege aus der Energieproblematik schlage ich vor, dass zur Bewusstmachung eines jeden Produktes, Gebäudes oder einer Dienstleistung der Wert der „grauen Energie“ immer mit angegeben werden muss. Ebenso sollten natürlich auch die sozialen und ökologischen Schäden in der Herstellungskette erfasst, bewertet und auf jedem Produkt gekennzeichnet werden. Zur Berechnung können die konventionellen Fabrikationsstandards der beteiligten Länder genommen werden. Jedes Produkt sollte nach seinem „energetischen, ökologischen und sozialen Fußabdruck“ besteuert werden. Wer ökologisch schonende und bessere Sozialstandards bei der Herstellung hat, kann diese nachweisen, wie dies heute schon bei Bioprodukten üblich ist und es könnten dadurch niedrigere Steuern angesetzt werden. Auf bedenkliche Weise hergestellte Produkte, z.B. aus Asien, würden so ihren Vorteil gegenüber saubereren lokalen Produkten verlieren. Ganz neue Recycling- und Herstellungsmethoden würden durch solche Steuer zur Entwicklung stimuliert werden.

Die meisten technischen Produkte sollten vom Staat nur noch mit „10 Jahren Garantie“ zugelassen werden! Die heutigen kurzlebigen Produkte würden verschwinden. Enorme Rohstoff- und Energieeinsparungen hätte dies zur Folge.

Dass unser Lebensstil und die damit zusammenhängenden CO 2 – und Stickstoffbelastungen der Atmosphäre durch zu hohen fossilen Energieverbrauch auch etwas mit der Klimaveränderung zu tun hat, hören wir immer wieder durch wissenschaftliche Forschungsgruppen. (CO 2 – Anstieg 1930 = 280 ppm bis heute 400 ppm). Nun kommen aber auch andere Argumente in die Medien und damit in die Diskussionen, die diese Verbindung zur Klimaveränderung in Frage stellen. Viele leugnen sogar die Klimaveränderung. Andere Sagen, das es schon immer Klimaveränderungen gegeben habe. Dagegen wird gehalten, dass die Veränderungen noch nie so rapide waren, außer bei außergewöhnlichen Meteorit Einschlägen und Vulkanausbrüchen. Es wird auch behauptet, dass die ganze Klimadiskussion nur eine große Propaganda ist, um neue Techniken fürs Wirtschaftswachstum zu verkaufen und die Bürger noch mehr einzuschränken. Diese Diskussionen verunsichern natürlich viele Menschen bzw. liefern ihnen Argumente, ihr Konsumleben wie gehabt weiterzuführen.

Sollten uns diese gegensätzlichen Meinungen nicht aufrufen, selbst die menschengemachten Veränderungen und die Auswirkungen auf die Natur zu beobachten? Dazu braucht man nicht einmal nach Afrika oder zum Nordpol zu fahren: Trockengelegte Moore und Flussauen, verdichtete Böden mit immer weniger Humus, rapide steigende Versiegelung durch Verkehrswege und Gebäude usw. Das alles soll keine Auswirkungen auf das Klima haben? Z.B. können wir uns fragen: Reifen heute die Pfirsiche hier besser als noch vor 20 Jahren? Sieht man Zugvögel, wie die Störche, nun auch manchmal im Winter hier? Ich beobachte z.B. bei meinen Wanderungen in den Alpen mit viel Sorge, wie die Gletscher abschmelzen. Viele sind in den letzten Jahren ganz verschwunden, andere ziehen sich jedes Jahr bis zu 70 m zurück. Die Baumgrenze stieg innerhalb weniger Jahre von 2100 m auf 2500 m. Beobachten Sie selbst. Egal, ob der CO 2 – Anstieg in der Atmosphäre nun ein Hauptverursacher der rapiden Klimaveränderung ist oder nicht, ein Barometer unseres destruktiven Verhaltens ist er für mich allemal.“

Aus: „Jeder kann die Zukunft mitgestalten“ von Uwe Burka (LINK)