Brüderlich wirtschaften – ein kleiner Erlebnisbericht
Es ist zur Zeit in Mode. Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist inzwischen in aller Munde – jedenfalls in den Mündern und auf den Fahnen jener, die irgendwie an einer „Neuen Menschheitsfamilie“ basteln oder zur „Gegenbewegung“ zu gehören scheinen. Das war nicht immer so. Doch schon lange treibt mich der Gedanke um, es müßte doch unter Menschen auch anders gehen …
Deshalb habe ich es immer wieder versucht. Versuch und Irrtum, dachte ich, müßte irgendwann zu einem Weg führen, der machbar ist, menschengemäßer ist.
Gib mir das, was es dir wert ist
Das waren meine ersten Versuche. Es war eine große Schachtel voller Legosteine. Eine sehr große Schachtel. Sehr voll. Ich war ganz neues Mitglied in einem Tauschring. Die ersten Tauschringe haben natürlich mit irgend einer „Währung“ verrechnet. Die Währung hieß „Talente“. Zwar waren nicht alle Talente gleichermaßen „wert“ – Putzdienste brachten sehr wenig ein, EDV – Hilfe brachte gewaltig was ein – für dieselbe investierte Zeit, auf eine Stunde gerechnet etwa. Gut, dachte ich, ist ja ein Üb – Feld. Mal sehen. Der Herr, der also die Schachtel voller Legosteine wollte, bot mir 15 Talente dafür an. Ich war so geplättet und auch so schockiert, dass ich ihn nur noch loshaben wollte. Den Mann, genau genommen, die Schachtel eher nicht. Und mein Talent zu schachern war nicht ausgeprägt, bis heute nicht. Ich schob ihn also mitsamt der Schachtel zur Tür hinaus, ließ mir 15 „Talente“ gut schreiben und schwor mir, in Zukunft das, was ich nicht mehr dringend brauche, lieber zu verschenken. Es soll ungesund sein, sich zu ärgern. Für diese Gutschrift von 15 Talenten bekam ich so gut wie nichts.
Außerhalb des Übfeldes „Tauschring“ erging es mir im Grunde ähnlich. Ein guter Bekannter bat mich einmal um eine Dienstleistung. Er kam 30 Minuten später als der vereinbarte Termin, weil er, wie er sagte, noch beim Vermögensberater gewesen sei, da er eine Summe X habe, die er gut anlegen wollte. Ich staunte innerlich sehr über die Summe X, vielleicht hat man sowas, wenn man Eigenheimbesitzer ist und einen dazugehörenden Lebensstandard hat, von dem ich nicht so viel Ahnung hatte, bis heute nicht. Nach fast 2 Stunden einer für mich doch recht anstrengenden Arbeit zückte er seine Brieftasche, um mir das Vereinbarte zu geben: Das, was es ihm Wert sei. Ich bekam 10 Euro. Später habe ich versucht, nachzurechnen, wie viele Tage bzw Jahre ich auf diese Weise arbeiten müßte, um zu einer solchen Summe X zu kommen und gab die Rechnerei bald auf. Ich weiß es bis heute nicht.
Mir bleibt manchmal einfach die Spucke weg, obwohl ich nicht gerade „aufs Maul gefallen bin“, wie man im Schwabenland so sagt. Das hängt mit Fassungslosigkeit zusammen, eine Prise Zorn ist auch dabei. Und etwas, was ich manchmal „fremdschämen“ nenne.
Es muß nicht immer nur Geld sein
Na, Geld ist eine Illusion, im Grunde. Hat an sich keinen Wert. Was hat eigentlich für mich einen Wert? Einen sehr hohen Wert hätte für mich Respekt, Anerkennung, Wertschätzung und oder Dankbarkeit. Das Wort „hätte“ ist hier weder ein Tippfehler noch ein Formfehler. Es handelt sich um eine theoretische Möglichkeit, die sich in meinen persönlichen Erfahrungen nicht so ausgeprägt gezeigt hat bisher. Auch nicht, obwohl ich es immerzu „vorgelebt“ habe in gewissem Sinne.
Da man aber von Wertschätzung nicht so ganz satt wird, im Magen direkt, meine ich, und ohne Wertschätzung erst recht nicht, habe ich es nach mißglückten Versuchen in dieser Richtung mal damit probiert, um nützliche „Naturalien“ zu bitten, sollte jemand meine Dienste und Mühen nicht in Geld bezahlen können. Man arbeitet ja schließlich, um leben zu können, sagt man. Dazu gehört, dass man sich ernähren kann.
Es gab sie, die schönen Erlebnisse in dieser Versuchsreihe. Von genau 2 Menschen. Ich habe die Versuchsreihe abgebrochen, als ich bemerkte, dass man mich mit abgelaufenen und halb verdorbenen Sachen abgespeist hat.
Wer großzügig schenkt, den beschenkt das Universum
Das war die nächste Eskalationsstufe, die ich inzwischen New – Age – Bullshit nenne. Hab ich hinter mir. Wirklich. Ich schenke immer noch großzügig und teile auch gern das Wenige, das ich habe. Allerdings nur noch in einem sehr, sehr klitzekleinen Umfeld, das ich sehr gut kenne. Mehr muß man dazu nicht sagen, weniger aber auch nicht.
Die Parzival – Frage
Dreigliederer, also Leute, die Brüderlichkeit auf ihrer Fahne vor sich her tragen, wissen, worum es sich handelt.
Es sind also schon sehr weit Fortgeschrittene auf diesem Üb -Feld, denn sie wissen genau, worum es geht und was sie tun und wohin es führt.
Nur ganz kurz: Jeder Mensch tätigt jeden Tag zahllose kleine wirtschaftliche Transaktionen. Mit anderen Menschen. Mit Brüdern und Schwestern. Hier haben wir ständig die Möglichkeit, brüderlich zu handeln. Anstatt zu fragen „Was habe ich davon? Wieviel gewinne ich für mich damit?“, „Wie kann ich am meisten für mich rausziehen?“, können wir fragen: „Was braucht der andere, damit er und seine Familie menschenwürdig leben kann?“. Das braucht auch vorneweg die Wahrnehmung dafür, wie es dem anderen eigentlich geht. „Wie geht es dir“ – das wäre der springende Punkt. Dies führt auch zur Frage, was der andere braucht – wenn man sich unter Menschen wähnt.
Damit wären wir schon einen großen Schritt weiter. Dies ist die Parzival – Frage! Wir Menschen sind heute dringender denn je dazu aufgerufen, diese Frage zu stellen und danach zu handeln!
Gut, meine „Übungen“ in jüngeren Jahren lasse ich mal außen vor. Erneute Versuche tätigte ich mit dem Aufkommen der Neuen Menschheitsfamilie. Es boomt seit „Corona“! Hinzu kommt ja noch der „Bewußtseinswandel“ bzw der „Aufstieg in höhere Bewußtseinsebenen“. Genau da bin ich richtig, dachte ich. Endlich! Es geht los. Zudem boomt auch die Bewegung der Dreigliederer. Na also. Was lange währt, wird endlich gut.
Ich habe eine Weile gebraucht, muß ich zugeben. Mein Wunschdenken hat meinen ansonsten so scharfen Blick für die Realität etwas mit rosa Nebel vernebelt, sozusagen. Das ist eine grandiose Geschäftsidee von noch grandioseren Geschäftlesmachern, scheint es mir inzwischen.
Ich habe diesen Artikel begonnen zu schreiben, um genau hier anzukommen, um jetzt also genau die Erlebnisse aufzuschreiben, die ich erzählen wollte. Bloß, jetzt habe ich keine Lust mehr.
Die Moral von der Geschicht’
Es geht ja manchmal auch einfach nur um die Selbsterkenntnis. Das ist ja dann auch ein Gewinn, gewissermaßen.
Nun denn …
Die Moral von der Geschicht’:
Ich taug’ zum Wirtschaftsleben nicht.
Jedenfalls unter Leuten.
Unter Menschen wäre es vielleicht anders.
Die Menschheit ist gerade auf dem schnellsten Weg in den Abgrund. Und hat es aber noch nicht einmal geschafft, Mensch zu werden. Es macht vielleicht im Universum, so als Gesamtes, nicht so viel aus. Schade ist es trotzdem.
Ach ja, man liest es immer wieder: „100 Jahre Dreigliederung!“
Ha! Könnte man als einen der kürzesten Anthro – Witze verbuchen.
Aaaaaber: Es ist ja noch Zeit! Vor dem Abgrund, meine ich. Viel Zeit. Wie wäre es also mit noch einem Vortrag zum Thema Dreigliederung oder mit noch einem schlauen Seminar über brüderliches Wirtschaften unter Gleichgesinnten in angenehmer und gebildeter Atmosphäre? Sofern man es sich leisten kann, warum nicht?